Ferienwoche für Ukrainerinnen und ihre Kinder in der ETL

 

 

Kraft finden und Spaß haben.

Im sonst so beschaulichen Innenhof der Evangelischen Tagungsstätte Löwenstein ist es plötzlich laut.

Eine Gruppe Kinder stürmt herein, sie sind auf Schnitzeljagd. Ihre nächste Aufgabe, ein Kreuzworträtsel, finden sie unter einem Tisch versteckt.

Die Kinder gehören zu einer Gruppe von ukrainischen Geflüchteten, die eine Ferienwoche in der ETL verbringen. Insgesamt 110 Mütter und Kinder sind eine Woche lang zu Gast in Löwenstein. Sie kommen aus der Region Heilbronn, aber auch aus Ulm oder Gruibingen. Die Idee zur Ferienwoche hatte Eva Bachteler, die Theologische Leiterin der ETL. Gemeinsam mit der ehemaligen Lehrerin und ehrenamtlich in der ETL engagierten Ulrike Meiers hat sie die Ferienwoche organisiert. Die Evangelische Landeskirche gab 27.000 Euro für die Realisierung, von Audi in Neckarsulm kamen 6000 Euro, weitere Unterstützung leistete der Heilbronner Verein miteinander e.V. mit 2000 Euro. Doch die reine Organisation und dann auch tatsächlich Programm mit den Gästen zu machen – das sind zwei Paar Stiefel. Denn niemand in der Tagungsstätte spricht Ukrainisch oder Russisch. Und da kommt der Zufall oder besser, das Schicksal ins Spiel: Anastasiia, eine 21-Jährige Ukrainerin, die in ihrer Heimat Deutsch studiert, hatte sich noch vor dem Krieg um ein FSJ in der ETL beworben. Im September hätte sie anfangen sollen, doch dann brach der Krieg aus. „Ich habe Anastasiia direkt nach Kriegsbeginn geschrieben “, erinnert sich Eva Bachteler, „sie kann auch schon vorher zu uns kommen, wir kriegen das hin.“ Zwei Wochen später stand die junge Frau mit ihrem Wanderrucksack vor der Tür. „Wir haben uns natürlich während der ganzen Vorbereitungen gefragt: Wie machen wir das mit der Betreuung?“, so Eva Bachteler.

Anastasiia hatte eine Lösung: In einer WhatsApp-Gruppe postete sie eine „Stellenanzeige“ und in kürzester Zeit war eine Gruppe von sechs Frauen und zwei Männern beisammen, allesamt Geflüchtete aus der Ukraine, die bereits Erfahrung im Umgang mit Kindern haben.  

„Es war wie ein Wunder“, freut sich Eva Bachteler. Die Geflüchteten bildeten schnell ein Team, machten sich Gedanken über das Programm für die Kinder.

Zu der Gruppe kamen noch ein junger Mann mit seiner Freundin hinzu, die Russisch spricht und die Erlenbacherin Yulia Schönebeck. Sie lebt seit 17 Jahren in Deutschland, stammt ursprünglich aus der Ukraine und setzt sich seit Kriegsbeginn mit großem Engagement für ihre Landsleute ein. Gemeinsam mit ihren vier Kindern verbringt sie nun die Ferienwoche in Löwenstein, gestaltet das Kinderprogramm mit, fungiert als Übersetzerin und gibt den Frauen Deutschunterricht. „Wir wollten eigentlich keinen Deutschkurs anbieten, die Frauen sollten einfach eine schöne Zeit bei uns haben“, so Eva Bachteler. „Aber die Frauen sind von sich aus auf Yulia zugekommen.“

Jeder Tag der Ferienwoche hat eine feste Struktur – das Programm steht zweisprachig in Deutsch und Ukrainisch auf einer großen Stellwand im Foyer. Frühstück, Morgengebet, zwei Stunden Kinderbetreuung, Mittagessen, Pause, zwei Stunden Kinderbetreuung, Abendessen, Abendgebet. Es gibt verschiedene Gruppen, für die ganz Kleinen, aber auch für Jugendliche. Die jüngsten sind meist auf dem Spielplatz, die Älteren nutzen die Kegelbahn, das Billardzimmer oder den großen Sportplatz.  Gemeinsames Spielen oder Basteln werden angeboten oder auch mal ein Schwimmbadbesuch. „Das war keine leichte Aufgabe“, erzählt Ulrike Meiers, „über 80 Menschen mit nur wenigen Autos ins Freibad zu transportieren.“ Es hat geklappt und die Mütter und Kinder hatten ihren Spaß.

Die Vormittage und Nachmittage haben die Frauen frei, können aber beim Programm gerne mitmachen. „Die Frauen fühlen sich bei uns gut aufgehoben“, hat Eva Bachteler festgestellt. „Aber sie haben Angst um Ihre Männer, mit denen sie oft nicht einmal telefonieren können, um die Omas und Opas, die in der Ukraine geblieben sind.“ Diese Angst wurde besonders deutlich am Tag vor dem ukrainischen Unabhängigkeitstag, die Stimmung war gereizt. Was plant Putin für diesen Tag? Erst das gemeinsame Abendgebet, das die ukrainischen Betreuenden ebenfalls selbständig gestalten, brachte Entspannung. „Die Andachten sind für die Ukrainerinnen wichtig“, so Eva Bachteler. „So fängt der Tag an, so hört er auf. Es sind viele sehr gläubige Frauen dabei.“

An einem der Tische im idyllischen Garten sitzen vier Frauen, trinken Kaffee und unterhalten sich. Ob wir sie interviewen dürfen? Ja klar, sagt Inna und zückt gleich ihr Smartphone für die Google-Übersetzung. Aber dann gesellt sich Anastasiia zur Gruppe und übernimmt diese Aufgabe. Olena kommt aus Kyjiw: „Am Anfang habe ich nicht gedacht, dass es so gut wird hier, aber alles ist super, die Kinder mögen das sehr. Wir können hier unsere Probleme vergessen, es beruhigt die Seele, wir können wieder Kraft finden und uns entspannen.“ Natalia aus Tschernobyl hatte zwar ein wenig Bedenken, weil die Kinder hier in der ETL zum ersten Mal seit fünf Monaten wieder von ihr getrennt sind, wenn auch nur für ein paar Stunden: „Aber die Kinder sind beschäftigt, sie spielen, basteln, es geht ihnen gut und wir sind sicher hier.“  Das Wort Sicherheit fällt oft, das hat auch Eva Bachteler erlebt: „Die Frauen fühlen sich hier geborgen, sie sind versorgt, müssen sich um nichts kümmern und sind unter sich. Und sie äußern immerzu ihre Dankbarkeit.“ So wie Olena: „Ich möchte allen danken, die die Idee hatten, bei den Betreuern, bei der Kirche, allen die das organisiert haben. Wir sind sehr dankbar für das, was wir hier erleben, wir fühlen, wie freundlich die Menschen zu uns sind.“ Inna und Yuliia, beide aus Charkiw, stimmen ihr zu und sie ergänzen noch lachend: „Wir könnten auch länger bleiben als eine Woche.“

Frau Kötting

 

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