Andachten und Gottesdienste



Andachten in der Frère-Roger-Kapelle, Gottesdienstangebot

Morgens um 8 Uhr laden wir unsere Gästen zu einer kurzen Andacht von 15 - 20 Minuten Dauer in die Frère-Roger-Kapelle ein als spirituellen Beginn des Tages.

Die Andachten werden vom Theologischen Leiter, Tagungsleiterinnen und -leitern und gerne auch von Teilnehmenden bzw. Verantwortlichen von Gästegruppen gestaltet. Wir freuen uns, wenn Sie selbst eine oder mehrere Andachten gestalten möchten und sind zugleich dankbar, wenn Sie uns rechtzeitig mitteilen, an welchen Tagen Sie die Andacht übernehmen, damit wir Ihr Engagement einplanen und ggf. koordinieren können.

Alle Gäste sind bei den Morgenandachten willkommen und dies soll auch in der Gestaltung der Andacht deutlich werden.

Sonntags finden in der Regel keine Andachten statt; wir laden unsere Gäste zum Mitfeiern der Gottesdienste in den umliegenden Gemeinden ein. Der Gottesdienstplan für die Evang. Kirche in Weiler hängt in der ETL aus.

Predigt im Gottesdienst im Grünen am 17. Juli 2016 zum 45jährigen Jubiläum der ETL von Rundfunkpfarrerin Dr. Lucie Panzer

Vor 45 Jahren, am 1. Juli 1971 ist die Evangelische Tagungsstätte Löwenstein mit einem festlichen Gottesdienst eröffnet worden. „Tagungsstätte“ – beinahe ein kleines Dorf, vor dem Wald, hoch hier oben über den Weinbergen. Weithin sichtbar aus der Ebene des Unterlands. Auch wenn der Weg hier hinauf mit dem Auto für Unkundige ein bisschen schwer zu finden ist – man kann sie eigentlich nicht verfehlen die Evangelische Tagungsstätte, denn man hat sie eigentlich immer vor Augen.

Da schien es uns wie für diesen Tag gemacht, dass das Evangelium für diesen Sonntag von der Stadt auf dem Berg erzählt.

Ich lese uns das einmal vor, aus Jesu Bergpredigt,

Mt 5, 13-16

Eine (kleine) Stadt auf dem Berg. Seit 45 Jahren schickt sie Abend für Abend ihr Licht in die Ebene. Seit 45 Jahren lebt sie. Über die Höhen und Tiefen dieser 45 Jahre, die Krisen, die Neuanfänge, die Entwicklungen will ich heute Morgen nicht reden. Das wissen die meisten von ihnen besser als ich. Nur so viel: Wie jede andere Stadt hat sich auch die Tagungsstätte verändert. Die Städte in unserem Land haben vor 45 Jahren anders ausgesehen als heute. Da schienen den Menschen andere Dinge wichtig als heute. Da hat man z.B. für die Autos geplant, denken Sie an Stuttgart. Die autofreundliche Stadt, hieß das damals. Und damals war das vielleicht richtig so. Inzwischen sind andere Dinge wichtig und nötig. Die Autoschneisen verpesten die Luft, die Autofahrer beklagen die Staus – jetzt versucht man, die Stadt anders zu gestalten. So ist das auch mit dieser Stätte hier oben auf dem Berg. Manches, das am Anfang gut war, hat sich auf Dauer nicht bewährt, anderes ist entstanden. „Gott will Veränderung“ war das Leitwort des Gottesdienstes damals zur Eröffnung. Gut, wenn Menschen sich daran halten. Was Bestand haben will, muss sich verändern. Wir müssen mit der Zeit gehen – sonst geht die Zeit ohne uns weiter. Dann haben wir den Anschluss verloren und erreichen niemanden mehr mit unserer Arbeit. Weil die Menschen schon längst weiter gezogen sind. Wir Christen bekennen, dass Gott mit uns geht durch die Zeit. Deshalb sollten wir nicht stehen bleiben.

Wozu braucht man so eine Stadt auf dem Berg? Ich habe es schon angedeutet: An der Stadt auf dem Berge und ihrem Licht kann man sich orientieren. Und Orientierung suchen die Menschen in dieser Zeit des Umbruchs. Vieles ist unsicher geworden. Viele Fragen tun sich auf. Die Reichen werden reicher, die Armen werden mehr. Sie machen sich auf den Weg und suchen Lebensmöglichkeiten für sich und ihre Familien. Deshalb versuchen die Wohlhabenden, die Grenzen hochzuziehen und zu sichern. Sie wollen ihren Wohlstand für sich behalten. Ist das der richtige Weg? Ich könnte mehr solcher Fragen aufzählen aus Politik und Gesellschaft. Und auch im Privaten und Persönlichen verändert sich vieles. Frauen sehen anders auf ihr Leben als noch vor 40 oder 50 Jahren. Viele Familien sind dabei, neue Lebensformen auszuprobieren. In Zeitschriften, in Kommentaren im Internet werden Ratschläge angeboten. Was ist richtig. Richtig für mich und meine Familie?

Da kann so eine Stadt auf dem Berge vielleicht helfen, so eine Evangelische Tagungsstätte. An ihr, in ihr kann man sich orientieren. Vor allem in ihr. Es ist  ja nicht so, als ob alle nur auf diese Stadt, diese Stätte schauen müssten, un dann wissen sie, wie es weitergehen kann. Wir Christen mit unserem Evangelium sind nicht die, die die Richtung vorgeben. Aber bei uns und mit uns kann man sich orientieren. Wir suchen nach antworten aus dem Evangelium. Und bringen sie ins Gespräch ein, als Denkanstoß für andere.

Wenn man sich auf einen Weg macht, muss man ab und zu den Kopf heben und nach dem Ziel Ausschau halten. Man muss ab und zu innehalten und fragen: Wohin wollen wir eigentlich? Wie soll unsere Gesellschaft in Zukunft denn aussehen? Wer einen neuen Weg geht, schaut oft nur mit gesenktem Kopf ängstlich immer auf den nächsten Schritt. Wer Neuland vor sich hat fragt oft nur: Wie kommen wir durch - und eben nicht: wo wollen wir überhaupt hin? Aber so, immer mit gesenktem Kopf und dem Blick auf den nächsten Schritt, verirrt man sich leicht. Man verliert das Ziel aus den Augen und kommt plötzlich irgendwo an, wo man eigentlich gar nicht hin wollte. Deshalb sind, meine ich, unter anderem die Geschichten des Evangeliums so wichtig. Nicht weil darin stünde, wie man es macht. Aber wo es hingehen soll, das Ziel, ein gutes Miteinander zum Wohl und zum Heil der Menschen, das wird da beschrieben.

Ich will heute Morgen ein Beispiel nennen: Jesus hat es erzählt. Seine Geschichte handelt von einem Weinbergbesitzer, der Arbeitskräfte sucht. Er stellt also Arbeiter ein: den ganzen Tag über, die letzten noch kurz vor Feierabend. Und am Ende zahlt er jedem den Lohn, den er schon mit den ersten vereinbart hatte. Einen Denar. Soviel, wie damals eine Familie brauchte, um leben zu können. Dem Weinbergbesitzer war anscheinend wichtig, dass möglichst viele Arbeit finden und Auskommen.

Er hätte es ja auch anders machen können: Überstunden anordnen. Oder Akkordlohn zahlen. Dann hätten die zuerst eigestellten die Arbeit allein geschafft. Für den Weinbergbesitzer hätte sich das wahrscheinlich eher gerechnet. Aber was wäre dann mit denen geworden, deren Arbeitskraft keiner gebraucht hat? Sie hätten um Almosen betteln müssen. Und irgendwann hätten sie womöglich mit Gewalt eine Chance gesucht für sich und ihre Familien.

Deshalb fragt jener Weinbergbesitzer nicht danach, was sich rechnet, sondern danach, was gerecht ist. Und gerecht ist für ihn, wenn alle genug zum Leben haben.

Das ist Gerechtigkeit, wie Gott sie haben will, erzählt Jesus. Und er erzählt gleich noch dazu, wie die Arbeiter mit dieser Regelung gar nicht einverstanden sind. Die am längsten gearbeitet haben, protestieren gegen diese Art von Gerechtigkeit. Ich kann mir nicht helfen – mir kommt das bekannt vor.

Ich glaube, Geschichten wie diese sind eine Hilfe zur Orientierung. Wir haben die Wahl, woran wir uns orientieren wollen: An der Gerechtigkeit, die den Starken Recht gibt. Oder an der Gerechtigkeit, die Gott uns empfiehlt - damit alle leben können.

Natürlich: das ist kein Stück aus einem Lehrbuch der Volkswirtschaft. Aber solche Geschichten in Erinnerung rufen und fragen: wäre das nicht ein lohnendes Ziel, auf das hin die Verantwortlichen arbeiten müssten - darum geht es.

Allerdings: Das bleiben Sonntagsreden, wenn wir nicht bei uns selber anfangen und bereit sind, diese Form der Gerechtigkeit zu akzeptieren. Die Frage gerechter Verhältnisse ist nicht nur eine Frage der Politik. Die Politiker reagieren auf die Stimmung, wie sie ihnen aus der Bevölkerung entgegen kommt. Das hat nichts mit Wankelmut zu tun, sondern im Grunde mit Demokratie. Deshalb sind die Einzelnen gefragt, Sie und ich. Wenn Verhältnisse geändert werden sollen, dann müssen wir da anfangen, wo es am aussichtsreichsten ist: bei uns selbst. Die Politik wird das aufgreifen, wovon sie spürt: das hat Rückhalt und Zustimmung in der Bevölkerung.

Genau deshalb brauchen wir Orientierung. Städte und Stätten auf dem Berge. Wo wir unsere Geschichten ins Gespräch bringen können und gemeinsam überlegen, wohin es gehen soll.

 

Ich bin überzeugt: Wo wir Christen unsere Geschichten ins Gespräch bringen, da kommen Menschen in Bewegung. Denn unsere Geschichten regen das Denken an. Und das bleibt nicht folgenlos. Da steigt die Lebensqualität. Solche Geschichten können wirken wie das Salz in der Suppe.

Das ist ja das andere, was Jesus über uns Christen sagt: „Ihr seid das Salz der Erde“. Wo Salz ist, da wird das Essen schmackhaft. Da wird das Leben lebenswert. Allerdings: Es sollte nicht zu viel sein. Eine versalzene Suppe schmeckt niemandem. Aber ein bisschen Salzt ist gut und wichtig und gesund.

Deshalb sollten wir uns einmischen in die Diskussionen um den richtigen Weg in die Zukunft. Unsere Meinung sagen. Unsere Geschichten ins Gespräch bringen und im Gedächtnis halten – gerade auch bei denen, die sie vergessen haben, oder gar nicht kennen gelernt.

Ihr seid das Salz der Erde. Also mischt euch ein! Ich denke, so hat er das wohl gemeint. Es ist an der Zeit, den Christen neu zu sagen: es kommt auf euch an. Ihr habt etwas zu sagen, ihr habt eine Aufgabe. Was jeweils zu sagen und zu tun ist und wie, darüber muss man nachdenken und reden. Aber dass ihr es überhaupt tut - darauf kommt es an.

Allerdings sagen nun viele: "Ihr seid das Salz der Erde!" ist das nicht ein gewagt großer Anspruch? In einer Zeit, in der die Bedeutung der Kirche zurückgeht - ist es da nicht vermessen, wenn Christen so von sich reden? Wäre da nicht ein bisschen mehr Zurückhaltung am Platze?

Mir scheint, in dieser Kritik spiegelt sich die Untergangsstimmung, die viele Christen erfasst hat. Gewiss, die Kirchen haben mit Schwierigkeiten zu kämpfen, wie viele andere große Organisationen auch.

Aber die demütigen Analysen und selbstkritischen Prognosen lassen doch auch fragen, ob wir unserer eigenen Sache denn überhaupt noch etwas zutrauen. Ist es nicht vielleicht so, dass wir uns ein bisschen genieren, als Christen mit unserem Evangelium zu argumentieren in den Gesprächen mit anderen Menschen in der Familie, am Arbeitsplatz, im Elternbeirat, manchmal sogar schon in der Kirchengemeinderatssitzung? Manchmal denke ich: Wir Christen sind ein verzagtes Grüppchen geworden von Leuten, die sich nur mehr ihre Unwichtigkeit gegenseitig bestätigen und dem Wort Jesu nicht gerade viel zutrauen. Haben wir Christen wirklich das Problem, dass wir uns eine zu große Rolle anmaßen in unserer Welt? Es geht ja in diesem Wort vom Salz nicht darum, was die Christen für großartige und wichtige Leute sind. Vielmehr hält Jesus selbst der Gemeinde vor Augen, was sie ist und wofür und wozu sie es ist. „Ihr seid das Salz der Erde“ – Jesus hat das gesagt. Nicht irgendein Bischof oder Kirchenfürst mit besonderem Sendungsanspruch.

Salz der Erde ist auch keine Sache für Spezialisten. Als Jesus das sagte, stand er nicht im Tempel in Jerusalem vor den Priestern und beamteten Theologen, auch nicht in einer Synagoge vor Schriftgelehrten und Lehrern. Er hatte nicht die Kirche vor Augen, weder die weltweite noch die Evangelische Landeskirche in Württemberg mit Bischof, Oberkirchenrat, Synode und Pfarrerschaft, sondern die Jünger und Jüngerinnen und vor allem "das Volk, das ihm nachfolgte". Christsein ist keine Spezialistensache. Die Leute, mit denen Jesus seine Sache anfing, waren Menschen wie Sie und ich. Er fand sie auf der Straße, am See bei der Arbeit, vor den Häusern, in denen sie wohnten. Nicht die Strukturen sind es, denen Jesus seinen Auftrag zumutet, nicht die Gremien, nicht die Ausschüsse, nicht die Einrichtungen und Werke und Organisationen, die wir so gerne erledigen lassen, was uns wichtig scheint, sondern: "Ihr!" Sie hier in Löwenstein, ich in Stuttgart zusammen mit den Christinnen und Christinnen die da noch sind, wir. Da, wo wir leben, wohnen und arbeiten, da sollen wir uns einmischen – Stadt auf dem Berge. Licht der Welt. Salz in der Suppe. Nicht Sand im Getriebe, aber auch nicht Öl, damit nur ja alles reibungslos läuft. Was einer nicht fertig bringt, kann ein anderer und wo eine den Mut verliert, hat eine andere eine neue Idee. Gemeinden sind es, von denen Jesus etwas erwartet - wo jeder einzelne seinen Platz hat aber keiner allein ist.

45 Jahre Stätte auf dem Berge. Liebe Löwensteiner, liebe Gemeinde, die Welt braucht solche Stätten. Städte auf dem Berg. Die Welt braucht uns Christen. Nicht weil wir so wichtige Menschen wären. Wir sind ja auch nur ein Teil dieser wunderbaren, veränderbaren, gefährdeten Welt. Aber wir sind Salz der Erde und Licht der Welt. Das sollten wir uns sagen lassen. Und tapfer ernst nehmen. Amen.

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